Interview mit Pastor Dr. Markus Wasserfuhr

10.02.21, 11:06
Frank Scheulen

Zum Abschluss der Weihnachtszeit 2020 bietet sich eine Rückschau auf das letzte Jahr an. Wie waren die Erfahrungen mit Gottesdiensten unter Pandemiebedingungen?

Dazu, aber auch zu einigen anderen Fragen, wurde die Gelegenheit genutzt, mit unserem Leitenden Pfarrer, Dr. Markus Wasserfuhr, 55 Jahre, ein ausführliches Interview zu führen. Coronabedingt konnte das Interview nur mittels Telefon und E-Mails geführt werden:

Herr Dr. Wasserfuhr, Sie haben sich seinerzeit entschlossen, katholischer Priester zu werden, wie kam es dazu? Wo haben Sie studiert und wann und wo sind Sie durch wen geweiht worden? Sie haben danach noch ein weiteres Studium aufgenommen und zum Abschluss gebracht, warum und wo haben Sie studiert, wie sind Sie dazu gekommen?

Wichtig war glaube ich, dass ich auf eine katholische Schule, eine Ursulinenschule, gegangen bin, wo auch immer wieder die Frage gestellt wurde: Priester zu werden oder in einen Orden einzutreten, ist das nicht eine Möglichkeit für euch? Das Collegium Albertinum, in dem die Kölner Priesterkandidaten während ihres Studiums wohnen, lud seinerzeit Interessierte ein, die Kar- und Ostertage mit den Studenten zusammen zu begehen. Ich habe vor dem Abitur diese Einladung wahrgenommen und einige der damaligen Priesterkandidaten kennen gelernt. Was sie vom Studium und der Vorbereitung erzählten, fand ich interessant. Das wichtigste war glaube ich: Zu hören, dass ich mich erst am Ende des Studiums endgültig entscheiden muss und dass mir in der Zwischenzeit auf vielfältige Weise geholfen wird, eine gute Entscheidung zu treffen.
Ich bin dann nach dem Abitur 1984 ins Albertinum eingezogen und habe zunächst vier Semester in Bonn studiert. Danach habe ich in Rom an der Universität der Jesuiten weiter studiert. 1990 bin ich dort vom späteren Kardinal Karl Lehmann zum Priester geweiht worden. Damals in den 1990er-Jahren, als ja noch jedes Jahr so um die 20 Priester neu geweiht wurden, wurden nach der ersten Kaplanstelle jeweils 2 Kapläne für ein Weiterstudium oder ein Zweitstudium freigestellt. Es gab damals natürlich mehrere Optionen und Gespräche darüber. Heraus gekommen ist dabei, dass ich noch einmal nach Rom gehe und das dort von den Jesuiten angebotene Psychologiestudium mache.

Zum 01.03.2015 wurden Sie hier bei uns in der Pfarrgemeinde Heilige Familie als neuer Leitender Pfarrer begrüßt. Welchen Eindruck hatten Sie damals und wie sehen Sie heute die Gemeinde?

Als ich 2015 nach Düsseldorf gekommen bin, war der erste Eindruck: Schön, eine Pfarrei mit vielen und auf vielfältige Weise engagierten Ehrenamtlichen, einem guten Pastoralteam, mit einer Kindermesse, mit einer vitalen Jugendarbeit, mit einem engagierten Kirchenvorstand - allerdings auch eine gerade erst frisch fusionierte Pfarrei mit noch nicht überwundenen Gräben und einem Pfarrgemeinderat, dessen Vorsitzender kurz vor meinem Kommen zurückgetreten war.

Es schien mir, dass der Prozess des Zusammenwachsens von zwei früheren Seelsorgebereichen noch voll im Gange war. Ich hatte den Eindruck, die Weichen seien gestellt für eine Zentralisierung des Gemeindelebens auf die Pfarrkirche in Stockum. Ich habe das das „französische“ Modell genannt, weil in Frankreich ja auch politisch vieles auf einen Ort, Paris, konzentriert ist.

Doch ich habe während des ersten Jahres gemerkt, dass ein dezentrales Modell, wie wir es in Deutschland mit den verschiedenen Bundesländern haben, für uns passender ist. Mit dem Pfarrgemeinderat und den Ortsausschüssen haben wir uns dann auch auf einen solchen Rahmen verständigt: Sechs und womöglich zukünftig sogar noch mehr Gemeinden unter dem gemeinsamen Dach einer Pfarrei.

Sie leiteten vorher die Katholische Hochschulgemeinde in Köln. Beschreiben Sie doch bitte kurz die Unterschiede zu einer Pfarrgemeinde mit etwa 13.000 katholischen Christen.

Die Hochschulgemeinde hat eine bestimmte Zielgruppe: Mehr als 80.000 Menschen, die an den Hochschulen in Köln - und das ist nicht nur die Universität, sondern das sind auch mehrere Fachhochschulen oder beispielsweise die Musikhochschule und die Sporthochschule - studieren und arbeiten, in erster Linie also Studierende, aber auch die Professoren und die anderen Dozenten.

Die Kölner Hochschulgemeinde hat wie eine Pfarrgemeinde eine eigene Kirche und ein eigenes Gemeindezentrum - aber die Präsenz an den unterschiedlichen Hochschul-standorten ist natürlich auch wichtig.

Die Fluktuation in der Zielgruppe ist viel größer als in einer Pfarrei: Jedes Semester kommen Tausende neuer Studierender - Erstsemester und Quereinsteiger - und jedes Semester schließen Viele ihr Studium ab - halten aber womöglich doch noch für ein paar Monate den Kontakt zur Hochschulgemeinde. Eine wichtige Gruppe sind die vielen ausländischen Studierenden - in caritativer Hinsicht besonders die Studierenden aus außereuropäischen Ländern.

Ein ganz handfester Unterschied: Außer, wenn ich in den umliegenden Pfarreien ausgeholfen habe, habe ich während meiner Zeit an der Hochschulgemeinde zum Glück keine Beerdigungen gehabt - doch viele Trauungen und Taufen.

War es für Sie schwierig, als erst dritter Pfarrer in der Pfarrgemeinde Heilige Familie nach Pfarrer Beckers und Pfarrer Keuser hier Fuß zu fassen, insbesondere nach der kurz vorher vollzogenen nicht ganz freiwilligen Fusion mit sechs Kirchtürmen?

Als ich nach Düsseldorf kam, bin in das Stockumer Pfarrhaus gezogen, in dem vor mir Pastor Beckers und Pastor Keuser gewohnt haben - doch ich fühle mich nicht nur als Nachfolger dieser beiden Pastöre, sondern auch als Nachfolger von Pastor Schmidt, Pastor Broehl, Pastor Jansen, Pastor Zirbes, Pastor Schmitz und all den anderen Pastören in Golzheim, Lichtenbroich, Lohausen und Unterrath.

Vor Pastor Beckers Wirken habe ich sehr großen Respekt - er war ein guter Pastor für viele Neuzugezogene in einem vor dem Krieg wild wuchernden Stadtteil ohne funktionierende Infrastruktur, der sich dann nach dem Krieg gut entwickelt hat. Pastor Keuser und Pastor Schmidt waren beide engagierte Seelsorger und das sehr lange - fast 40 Jahre. So unmittelbar und direkt wie diese Pastöre kann ich nicht (mehr) Pastor sein. Manch eine und manch einen habe ich deshalb sicher enttäuscht. Doch viele haben mir geholfen, hier Fuß zu fassen - Danke dafür!

Die Zeit bleibt ja nicht stehen, sie ist geprägt von Veränderungen. So wurde beispielsweise vor einigen Jahren das Pastorale Raumkonzept ins Leben gerufen. Die Ergebnisse liegen vor, gibt es schon erste Umsetzungsschritte?

Ja - in Lohausen haben wir den Pfarrsaal und die Küche der Stadt zur Nutzung für die dortige Kindertagesstätte überlassen. In den verbliebenen Räumlichkeiten - also vor allem dem Büro und dem Eine-Welt-Raum soll der für jede Gemeinde vorgesehene Versammlungsraum entstehen. Da fällt mir auf, dass wir immer noch keinen besseren Namen als „Versammlungsraum“ haben - wir müssen uns auf die Suche nach einem passenden, sympathischen Namen für diese Treffpunkte der Gemeinden machen - vielleicht haben Sie, die Leserinnen und Leser, ja eine gute Idee.

Warum hat die Erstellung des Pastoralen Raunkonzepts so lange gedauert?

 Wie die Pfarrversammlung im November 2019 gezeigt hat, ist das ein Thema, das sehr viele Gemeindemitglieder interessiert. Und deshalb war es wichtig, dass wir gut über die Planungen informiert haben und den Pfarrgemeinderat und die Ortsausschüsse in die Entscheidungen einbezogen haben. Das hat viel Zeit gekostet und ging gegen Ende - ich erinnere mich an eine Pfarrgemeinderatssitzung Anfang Januar 2020 - nur noch unter zeitlichem Druck. Manche aus den Ortsausschüssen und aus dem Pfarrgemeinderat hätten sich da noch einmal mehr Zeit für ausführlichere Beratungen gewünscht. Doch der Kirchenvorstand hat es für wichtig gehalten, das für Lohausen im Raum stehende Angebot der Stadt anzunehmen - zumal sich zeigte, dass wir mit der Stadt eine Lösung hatten finden können, die es möglich machte, den Versammlungsraum im bestehenden Gebäude unterzubringen. An dieser Stelle möchte ich den beteiligten jeweils vier Pfarrgemeinderats- und Kirchenvorstandsmitgliedern für Ihre Arbeit am Konzept danken sowie allen, die mit Blick auf Lohausen eine zügige Entscheidung möglich gemacht haben.

Wir haben 2020 unter ganz besonderen Umständen in den Kirchen die Gottesdienste gefeiert. Wie haben Sie diese sicherlich schwere Zeit mit all den Einschränkungen und Belastungen erlebt und erfahren? 

Zwischen Mitte März und Anfang Mai konnten wir ja gar keine öffentlichen Gottesdienste feiern. Das war besonders traurig, weil in diese Zeit die Karwoche und Ostern fielen. Doch wir haben die ganze Zeit über täglich die Heilige Messe gefeiert und unser hauptamtlicher Organist Herr Seeger hat dafür gesorgt, dass sie im Internet übertragen wurde.

Die Maßnahmen, die wir ergreifen mussten, um ab Anfang Mai wieder öffentliche Gottesdienste feiern zu können, waren sehr umfassend. Als sehr hilfreich hat sich das Onlineanmeldeverfahren erwiesen. Seine Nutzung hat gleich mehrere unserer Probleme gelöst: Es ist für die Gemeinden ein Weg, sicher sein zu können, dass man einen Platz in der Kirche bekommt, es hat uns mehrmals geholfen, zu zusätzlichen Messen einzuladen, wenn die anderen Messen ausgebucht waren, und es hilft uns bei der ja jetzt notwendigen Datenerfassung für eine etwaige Rückverfolgung.

Zum Onlineanmeldeverfahren kommen Sie unter diesem Link: www.heilige-familie-duesseldorf.de

Es hat mir wirklich gutgetan, dass in den ersten Wochen die Kindermessen immer ausgebucht waren - und wir haben bis zu den Sommerferien auch mit allen Kommunionkindern Erstkommunion feiern können. Schon im Mai und dann über den Sommer konnten wir auch mehrmals open-Air Gottesdienst feiern und dazu mehr Menschen einladen als in unsere Kirchen.

Einiges war ja in der Advents- und Weihnachtszeit 2020 jedenfalls in der Kirche Heilige Familie anders: Die große Krippe fehlte, auch die Baumdekoration sah anders aus als sonst. Was war der Grund dafür?

Es war uns eigentlich wichtig, im Advent und zu Weihnachten die ganze gewohnte Palette des Advents- und Weihnachtsschmucks aufzufahren. Wenn die Feiern schon wegen der großen Abstände und des Masketragens beklemmend waren, sollte zumindest durch die Weihnachtsbäume und die Krippe spürbar sein, dass Weihnachten ist. Und dabei haben wir auch an die Gemeindemitglieder gedacht, die aus welchen Gründen auch immer nicht in einen Gottesdienst kommen wollten oder konnten. Sie sollten zumindest, wenn sie außerhalb der Gottesdienste in die Kirche gehen sollten, sehen können, dass Weihnachten ist. Und das ist uns auch bis auf die Kirche Heilige Familie gelungen. Die Kirche Heilige Familie ist eigentlich komplett mit Kirchenbänken ausgefüllt. Die große Krippe und viele Weihnachtsbäume haben in der Kirche in Stockum nur Platz, wenn man mehrere Sitzplätze wegfallen lässt. Und das wollten wir angesichts der durch die Abstandsregeln ohnehin knappen Sitzplätze nicht in Kauf nehmen. Ich weiß, dass manche die große Krippe und das Grün der Weihnachtsbäume vermisst haben, doch es war glaube ich richtig, darauf zu verzichten.

In der Adventszeit gab es in der Kirche Heilige Familie eine besondere Installation mit einem schwebenden Apfel. Wie kam es zu dieser Idee, wer hat dieses Konzept entwickelt und mitgetragen?

Die Idee hatte Gregor Linßen - ein Komponist, Texter und freier Toningenieur, der sich schon seit Jahren in der Ortsgemeinde Heilige Familie immer wieder, vor allem musikalisch, einbringt. Als er mir von der Idee erzählte, war es nur eine erste Idee: Ein mit Helium gefüllter Apfel sollte im Advent in der Kirche schweben und an Weihnachten auf die Erde fallen. Die Installation als Ganze ist erst nach und nach von uns zusammen entwickelt worden. Der Liturgiekreis hat eine Kindermessreihe für den Advent rund um den Apfel erstellt und übrigens auch eins der insgesamt vier Elemente der von Adventssonntag zu Adventssonntag gewachsenen Projektion an die Rückwand der Kirche beigesteuert.

Wie war die Resonanz auf diese besondere Idee?

Mit dieser Idee haben wir unter Pandemiebedingungen glaube ich viele Menschen erreicht. An den Adventssonntagen waren die Sonntagsmessen am Vormittag ausgebucht, so dass wir auch nachmittags besonders die Kommunionkinder zu einer zusätzlichen Messe eingeladen haben - und bei Einbruch der Dämmerung hat die Installation noch einmal ganz besonders gut auf die Kommunionkinder gewirkt.

An Heilig Abend haben wir auch in diesem Jahr viele erreicht, die nicht regelmäßig unsere Gottesdienste mitfeiern - und die haben wir mit der Installation glaube ich positiv überrascht.

Im Internet gab es Impulse zu den vier Adventssonntagen und das Video mit dem Weihnachtslied, das Gregor Linßen speziell für die Installation geschrieben hat, hat mittlerweile mehr als 2300 Klicks https://www.youtube.com/watch?v=l6Zc-VeqghE

Nun gab es die Weihnachtsgottesdienste nur unter ganz erschwerten Bedingungen. Wie war das Interesse an diesen Messen? Gab es einen großen Ansturm auf die wenigen Plätze?

Das sah anfangs nach einem wirklich großen Ansturm aus. 40 Minuten, nachdem die Gottesdienste und Christmetten zur Anmeldung freigeschaltet waren, waren sie so gut wie ausgebucht. Das hat sich erst ab dem 4. Adventssonntag geändert - nachdem verschiedene Stimmen auf die Risiken von Gottesdiensten hingewiesen hatten, haben sich auch bei uns Mehrere abgemeldet, so dass unsere 21 Gottesdienste am Heiligen Abend alles in allem gut besucht, doch nicht ausgebucht waren. Das bedeutete aber auch: Wir brauchten zum Glück niemanden abweisen.

Wissen Sie schon, wie an den Osterfeiertagen 2021 die Messen ablaufen werden?  Ähnlich wie an Weihnachten 2020? Wann werden wir wieder eine ganz normale Messe ohne Einschränkungen feiern können?

Zu Weihnachten war bis unmittelbar vor Weihnachten nicht klar, ob die Weihnachtsgottesdienste überhaupt würden stattfinden können und beispielsweise zwei unserer evangelischen Schwestergemeinden haben ihre Gottesdienste von sich aus abgesagt. Deshalb kann ich heute wirklich nicht sagen, wie wir Ostern feiern können. Ich gehe aber davon aus, dass zu Ostern ähnliche Eckpunkte wie Weihnachten wichtig sind: Keine Gottesdienste mit mehreren hundert Mitfeiernden, sondern Feiern in einem Kreis, in dem der nötige Abstand auch vor und nach den Gottesdiensten gut eingehalten und der ggf. auch vom Gesundheitsamt nachverfolgt werden kann.

Heilige Messen mit bis auf den letzten Stehplatz gefüllten Kirchen werden wir erst dann wieder feiern können, wenn die Fachleute das Einhalten von Abständen nicht mehr für nötig halten. Ich hoffe, dass bald viele Menschen geimpft werden können und sich auch wirklich viele impfen lassen - dann bin ich zuversichtlich, dass wir nächstes Jahr wieder mit vielen Mitfeiernden Weihnachten feiern können.

Die Pandemie bestimmt seit Februar 2020 unser aller Leben. Welche Auswirkungen hatte und hat dieses Virus auf Sie, Ihr Pastoralteam und Ihre Arbeit?

Uns hat es am Beginn der Pandemie im März wirklich schwer erwischt: Unsere Verwaltungsleiterin, Frau Schentek, hatte Corona - mit einem schweren Verlauf und spürbaren Langzeitwirkungen - und wegen weiterer Erkrankungen im Büro haben wir nicht mehr als einen „Notbetrieb“ aufrechterhalten können - allen, die dabei mitgeholfen haben: Vielen Dank. Im September dann erneut eine Hiobsbotschaft: Unser Diakon Matthias Heyen war an Corona erkrankt. Zum Glück hat er niemanden anderen angesteckt - das finde ich sollte man festhalten: Infektionen können, wenn die Abstands- und Hygieneregeln und das Tragen entsprechender Masken beachtet werden, vermieden werden.

Wir haben es im Sommer leider nicht geschafft, uns in den Gemeinden auf Eckpunkte zu verständigen, die beim Umgang mit der Pandemie wichtig sind. Das hat dazu geführt, dass im September und bis in den Dezember hinein, manchen Kreisen die vom Pastoralteam und vom Kirchenvorstand vorgenommenen vorsichtigen Lockerungen nicht weit genug gingen - was zu manchen Irritationen, zu Unverständnis und leider auch zu Verletzungen bei langjährig engagierten Gemeindemitgliedern geführt hat. Das tut mir leid.

Eine ganz handfeste Auswirkung der Pandemie sind die vielen Treffen per Videokonferenz im Internet. Unserer Pastoralreferentin Nele van Meeteren ist es sogar gelungen, sehr gut mit den Kindern auf einer Videoplattform Schulgottesdienst zu feiern.

Kann Seelsorge im Pandemie-Lockdown überhaupt gelingen?

Ich finde wir haben die entscheidenden seelsorgerischen Aufgaben vor dem Sommer wiederbegonnen und jetzt im zweiten Lockdown sogar weitgehend aufrecht erhalten können: Die Feier der Heiligen Messe und anderer Gottesdienste, die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation durch die Erstkommunion- und Firmkatechese sowie einen wachen Blick für die Not der Menschen um uns herum - durch gute Aktionen zu Erntedank, zu Nikolaus, zu Weihnachten und zu Dreikönige sowie durch vermehrte Besuche und Telefonate. Ein herzliches Danke-Schön an alle, die dazu beigetragen haben.

Manche der lieb gewonnenen Aktivitäten sind aber in einer Pandemie auch problematisch - ein gemeinsames Frühstück oder gemeinsames Kaffeetrinken ohne Abstand und Maske sind in einer Pandemie nicht möglich.

Insofern stellt die Pandemie die Frage: Was ist Seelsorge? Wir müssen bestimmte Aktionen, die in der Vergangenheit scheinbar unverzichtbar zur Seelsorge dazu gehörten, in Frage stellen und stattdessen erfinderisch sein. Ein wunderbares Beispiel: Sternsingen war dieses Jahr nicht wie gewohnt möglich. Dennoch haben wir auch 2021 mehr als 1200 Menschen durch unser Sternsingen-to-go erreicht und wunderbare Rückmeldungen erhalten: „Unserem Dank hinzufügen möchten wir noch, dass es uns sehr beeindruckt hat, festzustellen, dass auch die Sternsinger aus Heilige Familie „neue Wege“ gefunden haben, um Gottes Segen zu den Menschen zu bringen. Das zeugt von hoher Flexibilität und davon, dass die Gemeinden in Heilige Familie auch und gerade unter diesen Umständen „nah bei den Menschen“ sind. So, wie Kirche sein soll!“ - Danke liebe Sternsingerteams – Dank Eurer Hilfe konnten auch in diesem Jahr mehr als 12.400 Euro für Kinder in aller Welt gesammelt werden.

In diesem Jahr wird der Pfarrgemeinderat (PGR) wieder neu gewählt. Einige Mitglieder des derzeitigen Pfarrgemeinderates sind 2020 von ihren Ämtern zurück- und danach aus dem Pfarrgemeinderat ausgetreten. Was war die Ursache, dass Frau Becker, Herr Vogel und Herr Klein den PGR verlassen haben und diesem Gremium nicht mehr angehören?

Um keine falschen Vermutungen zu wecken, die Gründe für die Rücktritte haben nichts mit der kirchlichen „Großwetterlage“ im Erzbistum und in der katholischen Kirche als Ganzes zu tun - sondern dazu haben leider Vorgänge im Pfarrgemeinderat selber geführt.

Da es sich bei den drei genannten Personen um gewählte Mitglieder des PGR handelte, ist es sehr verwunderlich, dass man seitens des PGRs dazu schweigt und keinerlei Information in die Öffentlichkeit der Pfarrgemeinde gibt. Ist es nicht sogar die Pflicht des PGR-Vorstandes, die Gemeinde schnell und umfassend über solch bemerkenswerte Vorgänge zu informieren? Ist jemand nachgerückt? Schließlich muss der Wähler ja bei der nächsten PGR-Wahl wissen, wen man wählen kann und wen man nicht mehr wählen sollte.

Genau. Der Pfarrgemeinderat wird von den Gemeinden gewählt. Er sollte eigentlich Wege finden, die Gemeinden gut über seine Arbeit und sein Vorgehen zu informieren.

Als ich im September vorsichtig über die Rücktritte informiert habe, wurde ich dafür vom Vorstand kritisiert. Doch ich hörte nach den Rücktritten mehrfach - und gar nicht an mich, sondern an den Pfarrgemeinderat gerichtet - den Wunsch, über die Rücktritte informiert zu werden. Leider ist eine solche Information bis heute nicht erfolgt. Für die Zurückgetretenen nachgerückt ist bisher niemand.

Wenn es um die nächsten Pfarrgemeinderatswahlen geht - ja, ich kann alle Wählerinnen und Wähler nur ermutigen, um gute Information zu bitten und kritisch nach den Hintergründen für die Rücktritte zu fragen - und dann auch dementsprechend zu wählen, damit sich die Enttäuschungen und Verletzungen, die im letzten Jahr zu den Rücktritten geführt haben, nicht wiederholen.

Auch wir haben jetzt ein „Institutionelles Schutzkonzept“ für unsere Pfarrei und einen Präventionsbeauftragten (Missbrauchsbeauftragten). Sind wir damit gut aufgestellt?

 Ja, wir haben mit Frau Schentek für die Angestellten und Herrn Seeger für die Ehrenamtlichen zwei gute Präventionsbeauftragte. Und wir haben mit unserem Konzept einen Anfang gemacht. Ich sage bewusst, einen Anfang gemacht, weil das Konzept weiterentwickelt werden muss - und dazu haben wir uns verpflichtet: Unser Konzept im Blick zu behalten und es weiterentwickeln. Ich hoffe, dass wir die Wachsamkeit und Ausdauer aufbringen werden, der eingegangenen Verpflichtung nachzukommen.

Was unternimmt die katholische Kirche, um den zahlreichen Austritten von Gläubigen zu begegnen? Wie können Sie die Menschen aufhalten?

Ich würde mir natürlich wünschen, mit den Menschen, bevor sie austreten, noch einmal sprechen zu können - ich weiß aber auch nicht, wie wir von ihrem Vorhaben erfahren und wie wir mit ihnen sprechen können. Wenn uns ein Austritt gemeldet wird, bekommen die Ausgetretenen einen Brief von uns, in dem wir den Austritt bedauern, nach den Motiven fragen und ein Gespräch anbieten. Doch wir bekommen darauf nur wenige Antworten. Ich würde gerne mit Interessierten überlegen, wie wir mit der derzeit offensichtlich rasant ansteigenden Zahl von Austritten umgehen.

Missbrauchsvorwürfe beschäftigen die katholische Kirche in Deutschland seit 2010, die Ergebnisse der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz wurden 2018 veröffentlicht. Im Zusammenhang mit einem Gutachten für das Kölner Bistum steht Kardinal Woelki seit Monaten in unter medialen Dauerbeschuss. Viele Gläubige wenden sich von der Kirche ab, einige Priester raten dem Kardinal zur Übernahme von Verantwortung. Wie kann es in unserem Bistum weitergehen?

Die Missbrauchsvorwürfe haben mich entsetzt und sehr betroffen gemacht. Mit sexuellem Missbrauch muss zukünftig anders und, vor allem mit Blick auf die Betroffenen, viel besser umgegangen werden.

Das vom Erzbistum Köln bei einer Münchner Kanzlei beauftragte Gutachten liegt vor, Es wurde von zwei Rechtswissenschaftlern daraufhin untersucht, ob es eine solide Grundlage für eine Aufarbeitung ist. Die Veröffentlichung kann und soll den Prozess der Aufarbeitung ja nicht beenden, sondern die Basis für eine Weiterarbeit und Konsequenzen sein. Die beiden Experten kommen aber zu dem Ergebnis, dass das Gutachten der Münchner Anwälte keine ausreichende Grundlage für den Fortgang der Aufarbeitung ist, weil es nennenswerte methodische Mängel enthält.

https://www.erzbistum-koeln.de/export/sites/ebkportal/rat_und_hilfe/sexualisierte-gewalt/.content/.galleries/unabhaengige-untersuchung/Jahn_Streng-Endfassung-Gutachten-zu-RAe-Westpfahl-pp.-Oktober-2020-geschwarzt.pdf

Kardinal Woelki kennt den Inhalt des Gutachtens selber nicht, sondern nur seine methodische Überprüfung. Der Grund, warum er das Gutachten zurückgehalten hat, ist nicht, weil er bestimmte Inhalte nicht veröffentlicht sehen will, sondern weil es ihm um eine belastbare Veröffentlichung als Voraussetzung für eine verlässliche und verantwortete Aufarbeitung geht. Deshalb wurde von ihm ein Zweitgutachten in Auftrag gegeben, das die benannten Mängel verbessert.

Ich meine, man sollte die Veröffentlichung dieses neu bestellten Gutachtens im März abwarten. Was wir dann brauchen, ist nicht nur eine Diskussion darüber, wer unter Umständen zurücktreten muss, sondern darüber, was die Kirche anders machen muss und wie sie zukünftig mit sexuellem Missbrauch umgeht.

Herr Dr. Wasserfuhr, vielen Dank für das Interview.

Die Fragen stellte Frank Scheulen, Düsseldorf, den 08.02.2021


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